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Von Atlantis nach Äthiopien. Ausstellung der Frobenius-Expeditionen


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Objektbeschreibung

Dieses von Julius Klinger gestaltete Plakat wirbt für eine zwölftägige Ausstellung in Berlin im Jahr 1912. Sie präsentierte Kulturgüter, die im Zuge der Afrikareisen des Forschers Leo Frobenius (1873–1938) ins Deutsche Reich überführt worden waren. Auf der schwarzen Silhouette des afrikanischen Kontinents ist mittig ein Ife-Kopf abgebildet, eine große antike Yoruba-Plastik aus Westafrika. Darüber steuert ein Flugzeug den Kontinent an. Der Titel der Ausstellung, „Von Atlantis nach Äthiopien“, spiegelt Frobenius’ These, mit den Skulpturen aus einer frühen afrikanischen Hochkultur das verschollene Atlantis gefunden zu haben.

Die Yoruba lebten im Gebiet des heutigen südwestlichen Nigerias und Teilgebieten der Republik Benin; ihre Kunst lässt sich über tausend Jahre zurückverfolgen. Seit Gründung des Königreichs Ife, das im 12. bis 15. Jahrhundert dank Metallproduktion und Handel eine Blütezeit erfuhr, entstanden hier neben Kunstwerken aus Stein und Terrakotta auch Bronzegussarbeiten von höchster künstlerischer und handwerklicher Qualität. Zentrum war die heilige Stadt Ile-Ife, wo der Mythologie der Yoruba zufolge die Götter an einer Eisenkette vom Himmel herabstiegen, um die Welt zu erschaffen. Ife ist noch heute Königssitz der Ooni-Dynastie. Bis 1910 waren Yoruba-Skulpturen in Europa unbekannt, erst durch Frobenius’ publizistisch begleitete Expeditionen erfuhr der globale Norden von ihrer Existenz. 

Leo Frobenius, der als Autodidakt zu Ethnologie und Archäologie kam, war leidenschaftlich fasziniert vom afrikanischen Kontinent: 1898 gründete er ein ethnologisches „Afrika-Archiv“ in München und 1905 die Deutsche Inner-Afrikanische Forschungsexpedition (D.I.A.F.E.), mit der er bis 1935 zwölf große Reisen durchführte. Diese führten ihn unter anderem nach Togo, Tunesien, Sambia, Äthiopien sowie in den Sudan und den Kongo. 1935 wurde er zum Direktor des Städtischen Museums für Völkerkunde in Frankfurt ernannt. Frobenius trat selbstbewusst für einen subjektiven Umgang mit seinem Forschungsgegenstand ein: Er wollte von „anderen“ Kulturen „ergriffen“ werden. Ökonomische und soziologische Analysen traten hinter der (durchaus zeittypischen, heute als Exotisierung begriffenen) Vorstellung von sogenannten Kulturseelen zurück, einem angeblich naturgegebenen Wesen der jeweiligen Kulturkreise. 

Während seiner vierten Expedition (1910–1912) grub Frobenius im Olokun-Hain in Ile-Ife – damals britisches Kolonialgebiet – eine Vielzahl von Kunstgegenständen aus. Ein Objekt begeisterte ihn besonders: „[…] ein wundervoll gegossener alter Bronzekopf von ausnehmender Schönheit und Lebenswahrheit, überzogen von einer dunkelgrünen, schönen Patina. – Dies also war Olokun, der Poseidon des atlantischen Afrika!“ (Frobenius 1912, S. 96). Der Name des Ortes, benannt nach der (männlich oder weiblich gesehenen) Meeresgottheit Olókun, wurde somit namensgebend für den Bronzekopf. Mit großem Stolz publizierte Frobenius 1911 ein Foto des sakralen Kopfes zusammen mit einem über ihn wachenden Priester in The Burlington Magazine. Im selben Jahr erschien ein Buch über die Expeditionsjahre 1908 bis 1910. Zwar sollte ihm die Ausfuhr dieses speziellen Olokun-Kopfes aufgrund von Streitigkeiten mit den britischen Kolonialbehörden nicht gelingen, doch eine große Anzahl anderer antiker Manufakte der Ife-Kultur gelangte über Frobenius nach Deutschland. Dort wurden sie 1912 in der Berliner Ausstellung präsentiert und später zu großen Teilen vom Ethnologischen Museum erworben. Eines dieser Werke war der Terrakotta-Kopf, der auf dem Ausstellungsplakat von Klinger abgebildet ist. Er ist unter der Inventarnummer III C 27526 in der Sammlung des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin verzeichnet, mit der Erwerbsnotiz „Schenkung Leo Frobenius 1913“, und ist heute in der Dauerausstellung des Humboldtforums zu sehen. 

Insgesamt war Frobenius’ Sammeltätigkeit ausufernd. Beispielsweise brachte er allein aus dem Kongo 8000 Gegenstände nach Europa, um sie gewinnbringend zu verkaufen. Dass er auf seinen Expeditionen oft listig oder betrügerisch vorging, um in den Besitz afrikanischer Kulturgüter zu kommen, geht aus seinen Berichten sowie Archivmaterialien deutlich hervor. Es ist ebenso bekannt, dass er – unter dem Druck, seine Reisen zu finanzieren – vor Preistreiberei, Unterschlagung und Ausnutzung sozial benachteiligter Menschen nicht zurückschreckte. Bestände mit Frobenius-Provenienz können daher nicht ohne Vorbehalt betrachtet werden.

Frobenius’ Publikationen und Ausstellung über die Yoruba-Kultur wurden in den 1910er-Jahren als Sensation in der westlichen Forschung gefeiert. Die Schönheit der Artefakte und ihr aus europäischer Perspektive zugeschriebener „idealisierter Naturalismus“ erschütterte alle diskriminierenden Vorurteile über eine vermeintlich „primitive“ Kunst Afrikas (Rousseau/Protais 2016, S. 48). Frobenius’ Bezug zu den Objekten war jedoch komplexer, teils in sich widersprüchlich. Einerseits dienten ihm der meisterhafte Olokun-Kopf und andere Yoruba-Werke in Bronze und Terrakotta als Belege für die hohe Qualität der frühen afrikanischen Kunst. Lange schon hatte er postuliert, dass es in „Schwarzafrika“ Künste gäbe, die „um Jahrtausende älter sind als in unserem Mitteleuropa“, und verdammte die Vorstellung vom „barbarischen“ Afrikaner als „eine Schöpfung Europas“ (vgl. Eisenhofer 2009). Gleichzeitig behielt er stets die europäische Perspektive einer empfundenen Überlegenheit bei: Er sah die Menschen in Afrika keinesfalls als ebenbürtig an. So konnte er beim Fund der Ife-Skulpturen zunächst kaum glauben, dass er es mit afrikanischen Schöpfungen zu tun hatte: „[…] ohne Zweifel müssen griechische oder sonstige altklassische kolonistische Einflüsse hier wirksam gewesen sein“ (Frobenius 1912, S. 6). Er entwickelte die Theorie, dass es sich um Indizien einer Existenz des versunkenen Atlantis handle, das der griechische Philosoph Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. als ringförmig um einen Poseidontempel angelegtes Inselreich beschrieben hatte. Die meisterhafte Gießkunst, so Frobenius‘ wirre Argumentation, sei nur durch einen früheren Kontakt Nigerias mit Atlantis möglich gewesen oder durch die Anwendung von Techniken aus Portugal beziehungsweise aus dem alten Karthago. Mit einer Lokalisierung des sagenumwobenen Atlantis vor der westafrikanischen Küste schien ihm auch die Identifikation des Olokun-Kopfes als Poseidon schlüssig. 

Der Mythos Atlantis stand im Mittelpunkt der Ausstellung „Von Atlantis nach Äthiopien“, die einen Zwischenstand der D.I.A.F.E.-Unternehmungen veranschaulichte. Der von Frobenius herausgegebene Katalog erklärte einleitend, man könne vom Streit „ob jene Märcheninsel (oder Märchenküste) wirklich bestand, […] um der wichtigeren Hauptfrage willen absehen: hat Afrika jemals eine eingeborene, bodenständige Kultur besessen, wie entwickelte sie sich und was vor allem ist mit ihr geschehen?“ Die vermessene Antwort darauf war, „die Wissenschaft“ habe das Erbe Afrikas gerettet mittels der „Reichtümer […], die Leo Frobenius […] durch mehrfache Ausfahrten nach dem alten, staunenden Europa herüberholte.“ (Frobenius 1912, S. 7). Die europäische Kultur wird hier – im Sinne der kolonialen Rettungsanthropologie – als rettende Beschützerin der afrikanischen dargestellt, nicht als die invasive Plünderin, die sie tatsächlich war. Dass koloniale Militäreinheiten im deutschen Sprachgebrauch als „Schutztruppen“ bezeichnet wurden, mag als Fußnote hierzu dienen.

Das Ausstellungspublikum sollte anhand von Objekten, Formen und Ästhetik die Bedeutung und Geschichte des ihm fremden Kontinents kennenlernen. Das vermittelte Bild kultureller Praktiken Afrikas schwankte zwischen Wertschätzung und unterschwelliger Aberkennung einer Gleichwertigkeit mit europäischen Traditionen und Gepflogenheiten. Die Präsentation war geografisch gegliedert und zog eine scharfe Trennlinie zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil des Kontinents – zwischen dem, was bis heute als Nordafrika („weißes Afrika“) und Subsahara Afrika („Schwarzes Afrika“) bezeichnet wird. Die Bezeichnungen, die sich als kolonialistisches Spracherbe erhalten haben, gehen zurück auf eine rassistische Zweiteilung der Bevölkerung in Boden bebauende „Äthiopen“ und Viehzucht betreibende „Hamiten“. In der „Äthiopik“ sah Frobenius die edle „afrikanische Altkultur“, männlich-idealistisch veranlagt und der „deutschen Kultur“ verwandt. Die weiblich-materialistisch geprägte „Hamitik“ sei dagegen dem Wesen des Raubtiers näher und habe Ähnlichkeit mit der „französisch-englisch-jüdischen Zivilisation“ (vgl. Eisenhofer 2009). Dass er mit solch nationalistisch und antisemitisch geprägten Ideen jene Rassentheorien unterstützte, die nach 1933 unter den Nationalsozialisten einen verheerenden Höhepunkt fanden, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die völkerkundlichen Aktivitäten des kaisertreuen Nationalisten Frobenius waren nicht zuletzt ein politisches Instrument: So fand er für seine Bemühungen um eine „systematische Raumdurchdringung“ Afrikas (Frobenius 1912, S. 7) die Unterstützung Kaiser Wilhelms II. Auch der Ausstellungsort im Berliner Abgeordnetenhaus und das Protektorat „seiner Hoheit des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg, dem Regenten von Braunschweig“ weisen auf imperiale Verquickungen hin. Der Herzog war ein Halbbruder von Adolf Friedrich zu Mecklenburg, der ebenfalls Afrika-Expeditionen im Auftrag des Deutschen Kolonialreichs durchführte. Dass sämtliche Einnahmen der Ausstellung der „Nationalflugspende zur Stärkung der deutschen Flugzeugindustrie“ zugutekamen, was eine Unterstützung der kolonialen Infrastruktur und der Militarisierung des Deutschen Reichs bedeutete, hinterlässt zusätzliches Unbehagen beim Betrachten des Plakats.

Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop, Kristina Lowis, Christina Thomson
Wissenschaftliche Redaktion: Verena Rodatus

Verwandte Werktexte:
_Central-Afrika-Expedition (ID 1420072)
_Ins innerste Afrika (ID 2638396)

Zitierte Literatur:
_Leo Frobenius (Hg.): Von Atlantis nach Äthiopien. Ausstellung der Frobenius-Expedition im Abgeordnetenhaus zu Berlin vom 6.–18. Oktober 1912, Ausst. Kat., Berlin 1912
_ Éloi Rousseau, Johann Protais: Chefs-d’oeuvre de l’Art Africain, Paris 2016 

Ausgewählte Quellen:
_Rowland Abiodun: Yoruba Art and Language. Seeking the African in African Art, Cambridge 2014
_Stefan Eisenhofer: Auf den Trümmern von Atlantis. Leo Frobenius zwischen Forschung und Vision, Berlin 2009, https://www.about-africa.de/kamerun-nigeria/124-truemmer-atlantis-leo-frobenius-zwischen-forschung-vision
_Leo Frobenius: Auf dem Wege nach Atlantis. Bericht über den Verlauf der Zweiten Reise-Periode der D. I. A. F. E. in den Jahren 1908 bis 1910, Berlin 1911 
_Ikonographie. Eine Sammlung kommentierter Bildquellen zu Kulturgutverlagerungen seit der Antike, http://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1910-vom-olokun-bronzekopf-zum-frobenius-kopf-eine-transformation-und-translokation-durch-raum-und-zeit (letzter Zugriff: 02.08.2025)
_Richard Kuba, Musa Hambolu (Hg.): Nigeria 100 Years Ago – Through the Eyes of Leo Frobenius and his Expedition Team, Ausst.-Kat., Frankfurt a. M. 2010
_Nathalie Okpu: 1910. Vom Olókun Bronzekopf zum Frobenius Kopf. Eine Transformation und Translokation durch Raum und Zeit, 2018 veröffentlicht in: Translocations


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1843-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

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Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin hat rund 220 frühe Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger in ihrer Sammlung. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich mitunter in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.

Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.

Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.

Text: Christina Dembny / Christina Thomson