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Münchener Faschings-Redoute


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Objektbeschreibung

Eine Reihe von Plakaten aus der Kolonialzeit in der Sammlung der Kunstbibliothek bewerben Feste, Bühnenstücke und Ausstellungen, in denen „ferne Welten“ im Mittelpunkt stehen. Solche Ereignisse waren um 1900 beim europäischen Publikum sehr beliebt. Sie vermittelten mehr oder weniger zutreffende Ansichten und Bilder von anderen Ländern und Kulturen. Im Rahmen von Kolonial-, Kunst- und Kulturausstellungen – etwa „Japan in Borkum“, „Niederländisch-Indische Kunstausstellung“, „Meisterwerke muhammedanischer Kunst“ oder „L‘Andalousie au temps des Maures“ – bestand noch der Anspruch, ein objektives, wissenschaftlich unterfüttertes Bild des jeweiligen Gegenstandes zu entwerfen. Bei Kostümfesten, Theaterstücken, Tanzdarbietungen oder Filmen – darunter „Les Turcs“, „Madame Chrysanthème“/„Mimosa San“, „Mr. Wu“ oder „Sumurun“ – wurde dagegen mehr Wert auf Effekte gelegt als auf historische Genauigkeit. Oft, so scheint es im Rückblick, überwog die Zurschaustellung der „Anderen“ anstelle einer offenen, solidarisch-sachlichen Darstellung anderer Gesellschaften und Kulturen. Nicht selten hatte letztere diskriminierende Züge, bin hin zur propagandistischen Karikatur. 

Kolonialmächte importierten nicht nur Waren aus Übersee, sondern beförderten auch Vorstellungen über (das Leben der) Menschen in anderen Ländern in die Köpfe der Menschen zuhause. Ein extremes Beispiel waren die sogenannten Völkerschauen, bei denen – unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Weltaneignung – außereuropäische Personen unter degradierenden Bedingungen in europäischen Städten zur Schau gestellt wurden. Aber auch als „harmlos“ wahrgenommene Bühnenstücke trugen mit Bildfiktionen ihren Teil bei. Hier wie dort wurden Menschen aus anderen Kulturen als „exotisch“ vorgeführt, Ethnien und Kostüme teils frei erfunden, Eigenschaften und Verhaltensweisen stereotypisiert, fiktive Kategorien und Hierarchien geschaffen. 

Der kommerziell-voyeuristische Aspekt des Aufführens spielt eine zentrale Rolle, denn darin spiegeln und konsolidieren sich koloniale Machtverhältnisse. Bühnenproduktionen arbeiteten mit Figuren, die kontinuierlich Stereotype reproduzierten und Klischees verstärkten: die untergebene Asiatin, die ebenso leidende wie leidenschaftliche Haremsdame, der herrische Sultan, der heldenhafte Cowboy und sein hinterlistiger, als „Indianer“ titulierter Gegenspieler und viele mehr. Kritische Stellungnahmen – wie in „Die Juden. Russisches Zeitbild“ von Eugen Tschirikow, einem Stück gegen die Judenverfolgung – oder ein gleichberechtigter Kulturaustausch waren rar, Folklore dafür allgegenwärtig. 

Kostümfeste und Faschingsfeiern wiederum emulierten die stereotypen Bilder aus Theater, Literatur und nicht zuletzt Werbung. Europäer*innen verkleideten sich in „Andere“ und verdeutlichten so, welche Fantasien sie etwa mit „Persien“ („Perzische Feesten“), der Türkei („Türkisches Fest“), den Kolonien („Kolonialfest“) oder Kannibalen („Kannibalen-Fest“) verbanden. Diese Vorstellungen gebaren hybride Fremdbilder, in denen „orientalistisch“ oder „exotisch“ begriffene Kulturen aus Asien, Afrika und Südamerika vermischt, verallgemeinert oder übertrieben wurden. Die „Anderen“ wurden zur Projektionsfläche der kolonialen Gesellschaft. Auf diese Art verfestigten orientalisierende und exotisierende Veranstaltungen – ob direkt oder unterschwellig – den weißen Überlegenheitswahn, verstellten den Blick auf andere Gesellschaften und trugen auf ideologischer Ebene zur rücksichtslosen Ausbeutung und nachhaltigen Abwertung von Menschen aus kolonisierten Ländern und Gesellschaften bei.

Recherche und Text: Kristina Lowis


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/


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Rund 220 Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger gehören zur Sammlung Grafikdesign der Berliner Kunstbibliothek. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich mitunter in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.

Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.

Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.

Text: Christina Dembny / Christina Thomson