Logo

Flucht der Bianca Capello aus Venedig


FacebookAuf Facebook teilen

Objektbeschreibung

Francesco Hayez galt in Italien, insbesondere in Mailand, als der führende Romantiker. Geboren 1791 in Venedig, studierte er ab 1803 an der dortigen Kunstakademie. 1809 reiste er mit einem Stipendium nach Rom und bildete sich bei Antonio Canova weiter. 1813 kehrte er nach Venedig zurück. Zunächst am Klassizismus orientiert, zog es ihn bald nach Mailand, wo er sich den romantischen Historienmalern anschloss und deren bedeutendster Repräsentant wurde. 1822 berief man ihn zum Lehrer an der Accademia di Brera, 1825 eröffnete er ein Privatatelier. 1850 übernahm er für 30 Jahre den Lehrstuhl für Malerei. Die Produktivität des Meisters war überragend. Mit großformatigen, emotional aufgeladenen, mitunter tumultartigen Historienszenen sowie mit psychologisch fein ausgearbeiteten Porträts wurde Hayez berühmt. Er erhielt wichtige Aufträge und wurde vielfach ausgezeichnet. Für den Berliner Kunsthistoriker Franz Kugler war Hayez „einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, er erfüllt alle Anforderungen, die man an einen neuern Maler stellen mag. Geistreiche Erfindung, lebendige und richtige Zeichnung, in der Farbe die älteren Venetianer erreichend, ist er an Fruchtbarkeit und Reichthum der Erfindung Allem, was ich bis jetzt von Lebenden gesehen habe, überlegen“ (F. Kugler, Mailand 1835. Franz Hayez, in: Kunst-Blatt, 17. Jg., Nr. 28, Stuttgart/Tübingen 1836, S. 112)
    Während einer Reise nach Mailand Anfang des Jahres 1853 besuchte der Berliner Bankier und Sammler Joachim Heinrich Wilhelm Wagener den damals bereits berühmten Künstler im Atelier. Er bestellte bei ihm ein Gemälde und bat um einen Vorschlag für das Sujet (J.H.W. Wagener an F. Hayez, Brief vom 14.02.1853, SMB-ZA IV/NL Wagener, Briefkonzepte). Am 25. Februar 1853 sandte Hayez eine Skizze mit dem Vorschlag für die Darstellung einer historischen Gerichtsszene vor dem venezianischen „Rat der Zehn“, bei der es um Eifersucht und Rache zwischen zwei Damen der höheren Gesellschaft gehen sollte (F. Hayez an J.H.W. Wagener, Brief vom 25.02.1853, SMB-ZA IV/NL Wagener 1188). Wagener nahm den Vorschlag nicht an, da das Bild lediglich ein Genre-Bild werden würde. Stattdessen bat er um eine „Szene aus der Geschichte der Republik Venedig“ (J.H.W. Wagener an F. Hayez, Brief vom 05.03.1853, SMB-ZA IV/NL Wagener Briefkonzepte). Sein Brief endet mit Huldigungen an Hayez, in denen er den Maler mit Meistern wie Titian, Giorgione, Veronese und Tintoretto verglich. Offensichtlich einigten sich der Sammler und der Maler auf ein anderes Motiv. 1854 traf das Gemälde Flucht der Bianca Capello aus Venedig bei Wagener ein. Hayez hatte damit einen historischen Stoff aus der Mitte des 16. Jahrhunderts aufgegriffen: Bianca Capello, die Tochter des venezianischen Adeligen Bartolomeo Cappello und spätere zweite Ehefrau von Francesco I. de‘ Medici, ließ sich auf eine Liebesaffäre mit dem Diener Pietro Buonaventuri ein, der sich als Mitglied der Familie Salviati ausgegeben hatte. Nach einem ihrer nächtlichen Ausflüge konnte sie eines Morgens nicht zurück in das Haus ihrer Eltern, weil die von ihr offen gelassene Tür geschlossen war. Der Künstler wählte als Motiv genau jenen Augenblick, als Bianca, zunächst verzweifelt, ihr Schicksal in die Hand nimmt und sich zur Flucht mit ihrem Geliebten entschließt. Der Gondoliere im Hintergrund steht zur Abfahrt bereit. Wagener war von dem Bild, für das er 1500 Taler zahlte, beeindruckt (Verzeichniss der Gemälde-Sammlung des J.H.W. Wagener, Berlin 1850, Kat. 244, SMB-ZA, IV/NL Wagener). Die Darstellung der jungen Frau, ihr Gesichtsausdruck und die Stofflichkeit ihrer Kleidung schienen ihm besonders gelungen. Überdies lobte er Hayez für die Luftperspektive und die besondere Stimmung des anbrechenden Morgens (J.H.W. Wagener an F. Hayez, Brief vom 20.08.1854, SMB-ZA IV/NL Wagener Briefkonzepte).
| Birgit Verwiebe