Pilger im Felsental
Objektbeschreibung
Carl Gustav Carus, Schüler und Freund Friedrichs, schuf mehrfach Gemälde mit Wanderer- oder Pilgermotiven. Sein frühes Bild »Wanderer auf Bergeshöh« (Saint Louis Art Museum) entstand 1818 wohl unter dem Einfluss von Friedrichs heute ikonischem Werk »Wanderer über dem Nebelmeer« (Hamburger Kunsthalle). 1819 malte Carus einen »Wanderer an einem alten Stadttor« (Privatbesitz), es folgten 1819/20 »Hünengrab mit ruhendem Wanderer« und 1824 »Der Pilger gen Osten ziehend« (Standort unbekannt). Eine Quelle der Inspiration war unter anderem Ludwig Tiecks 1798 erschienener Künstlerroman »Franz Sternbalds Wanderungen«, auf den Carus sich in seinem fünften Brief über die Landschaftsmalerei ausdrücklich bezog: »Nimm zum Beispiel die Landschaft, welche Tieck in Sternbalds Wanderungen beschreibt, wo im engen Tale man einen Pilger zur Höhe hin wandeln sieht, wo im Mondenlicht das Kreuz einer Kirche schimmert. Wir sehen hier eine christlich-sittliche Idee ausgesprochen« (C. G. Carus, Briefe und Aufsätze über die Landschaftsmalerei, Leipzig 1982, S. 51). In Tiecks Roman begegnet der Maler Sternbald im Gebirge einem Künstler-Eremiten, der in seinen Landschaftsgemälden »die Hieroglyphe, die das Höchste, die Gott bezeichnet«, zu finden sucht (L. Tieck, Franz Sternbalds Wanderungen, Berlin 1843, S. 274).
Carus‘ »Pilger im Felsental« wurde 1841 zunächst unter dem Titel »Der Weg des Pilgers« auf einer Ausstellung in Leipzig präsentiert. Dargestellt ist ein Pilger in Rückenansicht, der einsam entlang eines Baches durch ein nächtliches, von hohen Felsen umschlossenes Gebirgstal wandert; am Himmel leuchtet ein Stern, der sowohl als Abend- als auch als Morgenstern gedeutet worden ist. Die Gestalt des Wanderers wird zum Sinnbild für den Lebensgang des Menschen und dessen Sehnsucht nach einer anderen, unerreichbaren, Erlösung verheißenden Welt. In seinem Aufsatz »Von der Wirkung einzelner landschaftlicher Gegenstände auf das Gemüt« schrieb Carus: »der Pilger wird die Idee der Ferne, ja das Nichtzuermessende der Erdfläche uns zurückrufen« (C. G. Carus, ebd., S. 34). Für das Bild wurden unterschiedliche Entstehungszeiten angenommen. Aufgrund neuerer, aus Farbanalysen gewonnener Erkenntnisse wird es inzwischen auf 1828/1830 datiert. | Birgit Verwiebe