Erie Shore
Objektbeschreibung
Der in Chagrin Falls, einem Vorort der Industriestadt Cleveland, Ohio, geborene Ronald Brooks Kitaj kam mit einem Stipendium 1957 zum Kunststudium nach Großbritannien. In den 1960er-Jahren wurde er zu einem wichtigen Vertreter der britischen Pop-Art. In seinen Werken bearbeitete Kitaj historische und politische Themen in einer vom Surrealismus ausgehenden Form bildlicher Kombinatorik. Zu seiner allegorischen Bildmontage „Erie Shore“ (Ufer des Erie) schrieb er an den Direktor der Neuen Nationalgalerie: „Ich wurde am Eriesee geboren […] In meiner Kindheit war er ein wundervolles Binnenmeer […] Jetzt ist er nahezu vollständig tot […] Er ist eine große Kloake geworden und könnte nur durch massive staatliche Maßnahmen gerettet werden. Dies beschäftigte mich beim Malen des Bildes […].“ (Brief an Werner Haftmann, o. D., Werkakte in der Neuen Nationalgalerie, Berlin) Die blutrote und schwefelgelbe Färbung des Wassers führt die Verseuchung der Natur drastisch vor Augen. Das „Umkippen“ wird im linken Teil des Diptychons metaphorisch vorgeführt durch zwei Alpinisten, die bei der Erstbesteigung des Matterhorns abstürzen, ein Bildzitat aus der Lithografie „Ascension du Mont Cervin 14 juillet 1865. La chute“ von Gustave Doré (1865). Im rechten Bildteil zeigt Kitaj mit dem Walross zudem ein Tier und mit der gefesselten Frau im Boot eine Indigene als Opfer der kapitalistisch getriebenen Umweltzerstörung. Inmitten der apokalyptischen Umgebung ist das Staatsschiff ein schwankender Kahn, und Rettung bringen kann nur eine entschlossene Krankenschwester, die dem eitlen Uncle Sam mutig die Stirn bietet. | Dieter Scholz