Amphitrite
Objektbeschreibung
Max Klingers von sublimer Kühle bestimmte, lebensgroße Statue einer strengen, in die Ferne Schauenden wird als "Amphitrite" betitelt, was so viel bedeutet wie "Die Meerumrauschte" oder "Die Meeresgöttin". Doch Klingers Skulptur steht keineswegs in der Tradition klassizistischer Idealschöpfungen und Götterstatuen, sondern verkörpert eine moderne Frau mit Anklängen an die Femme fatale, unergründlich, unnahbar und unerfahrbar. Das leichte Gewand, das von den Hüften herab die Beine umfängt und den Schoß freigibt, hemmt das latente Schreitmotiv. So bleibt die auffällige Säulenhaftigkeit, die aus der Torsoform ohne Arme resultiert, vorherrschend.
Die Skulptur entstand aus zwei verschiedenen Gesteinsblöcken: der Oberkörper aus griechischem (parischem) Marmor und die Bein- und Gewandpartie aus Carraramarmor. Der erstgenannte Stein diente zuvor auf der Insel Syra als Treppenstufe. Wenngleich es sich also um eine polylithe, also aus verschiedenen Gesteinsarten montierte Skulptur handelt, erweist sich der Kontrast zwischen den Materialien als verhältnismäßig zurückhaltend. Andere Skulpturen von Klinger und seinen Zeitgenossen spielen die Reize der kostbaren Materialvielfalt weit demonstrativer aus. Klinger konzentrierte sich hier aber darauf, die Unterschiede in der Körnung und in der Temperatur des Farbtons zwischen dem parischen und dem carrarischen Stein zu nutzen. Lediglich durch farbige Tönung differenzierte er die Wirkung weiter aus: Im Kopfbereich finden sich Reste von blauer und roter Tönung, die Augen sind schwarz aufgemalt; andere Farben – etwa im Bereich des Gewandes - gingen hingegen durch unsachgemäße Reinigungen verloren.
Die Statue gehört zu jenen polychromen und polylithen Werken, mit denen der Graphiker und Maler Klinger vor allem seit den 1890er Jahren großen Ruhm auch als Bildhauer erlangte und womit er einer gesamteuropäischen Strömung in der Skulptur jener Jahrzehnte folgte. Möglicherweise war Klingers Schöpfung zumindest thematisch von jener "Amphitrite" angeregt, die Marius-Jean-Antonin Marcié bereits 1878 für einen silbernen Tafelaufsatz schuf, die dann auch in Elfenbein, mit Gold, Silber, Perlen und Korallen geschmückt, ausgeführt wurde (Walters Art Museum, Baltimore) und 1900 auf der Pariser Weltausstellung zu sehen war. | Bernhard Maaz