Die drei Kreuze
Objektbeschreibung
1653 bedeutete einen Höhepunkt im druckgraphischen Schaffen Rembrandts. In eine ungewöhlich große Kupferplatte ritzte und stach er eine Kalvarienbergdarstellung – Spuren einer Ätzung sind nicht zu erkennen –, die ohne Vergleich war. Die hereinbrechende Finsternis, von der das Lukasevangelium berichtet, ist durch kräftige Schraffenbündel veranschaulicht, die vom Himmel herabzufallen scheinen. Durch die Dunkelheit bricht ein Lichtkegel und erleuchtet die Szenerie in der Mitte, den gekreuzigten Christus, den Schacher zu seiner Linken sowie die Soldaten und die Gruppe um die zusammengesunkene Maria und Johannes, der voller Verzweiflung die Hände ans Haupt preßt. Besonders hervorgehoben ist der vor dem Kreuz kniende römische Hauptmann, der sich beim Tode Christi bekehrt. Die Figuren sind mit knappen, eckigen Umrißlinien wiedergegeben. Alles ist in Bewegung, in Auflösung begriffen angesichts des erschütternden Ereignisses. Die Gebärden menschlichen Entsetzens sind selten psychologisch eindringlicher erfaßt worden, etwa bei dem hinweggeleiteten Alten vorne links und den Männern, vielleicht jüdischen Schriftgelehrten, die voller Panik auf ein Felsenloch zulaufen.
Dem hier gezeigen dritten Zustand mit Signatur und Datum gingen zwei Zustände, Probedrucke, voraus, die teilweise erheblich voneinander abweichen. Rembrandt probierte in nie gesehener Weise verschiedene Bildwirkungen aus, indem er auf Pergamenten oder asiatischen Papieren druckte und die Intensität der Drukkerschwärze von Platte zu Platte veränderte, um Helligkeit und Dunkelheit jeweils neu zu interpretieren. Kein Abdruck gleicht dem anderen, jeder kann als ein einzigartiges Kunstwerk gelten.
Text: Holm Bevers in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 213f., Kat. IV.62 (mit weiterer Literatur)